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Beschreibung
Inkohärenz zwischen theoretischen und praktischen Anteilen bzw. zwischen Phasen der Lehrer:innenbildung erfährt viel Aufmerksamkeit (Degeling et al., 2019; 2021; Reintjes et al., 2021). Professionstheoretisch zeigt sich dies z.B. in der Forderung nach einer „doppelten Professionalisierung“ (Helsper, 2001) oder im Rahmen der Wissensverwendungsforschung (Hericks, 2004). Inkohärenz innerhalb der hochschulischen Lehrer:innenbildung (zwischen den und innerhalb der Komponenten) bleibt hingegen bislang recht unterbelichtet bzw. wird eher konzeptionell als „horizontale Kohärenz“ (Hellmann, 2019) thematisiert. Dies erfolgt meist aus einer vornehmlich einheitstheoretischen (Idel, 2021) oder fachspezifischen (z.B. „Dissonanzen“ in der Deutschlehrer:innenbildung, Führer & Führer, 2019) Sicht. Wie Lehrer:innenbildende mit Inkohärenz umgehen, etwa einheitsstiftend oder relationierend (Cramer, 2020a), ist (in der Literatur) noch kaum bearbeitet worden.
Die Zentrale Forschungsfrage ist demnach: Welche Formen des Umganges mit Inkohärenz liegen in der Profession der Lehrer:innenbildenden vor? Die Leitende Heuristik bildet dabei die Annahme, dass die Lehrer:innenbildung in ihrem professionstheoretischen Diskurs zwischen zwei Fluchtpunkten oszilliert. Auf der einen Seite finden sich Positionen, die Reflexion als Kernanliegen in den Mittelpunkt des professionstheoretischen Diskurses stellen und dabei u.a. auf strukturtheoretische, interaktionistische und kommunikationstheoretische Theoriegebäude und Methodologien rekurrieren (vgl. Helsper, 2021). Andererseits gilt Evidenzorientierung als zentrale Programmatik, wenn eher auf Perspektiven der (Pädagogischen) Psychologie (vgl. Gogolin, Hannover & Scheunpflug, 2020) rekurriert wird.
Die postulierten Fluchtpunkte der Profession der Lehrer:innenbildner:innen werden anhand von Dimensionsclustern zentraler Begriffe der Lehrer:innenbildung, nämlich „Bildungswissenschaften“ und „Fachdidaktik“ (Cramer & Schreiber, 2018; Schreiber & Cramer, 2023; Schreiber et al., 2022), expliziert und diskutiert. Horizontale Kohärenz wird unter der heuristischen Annahme der Fluchtpunkte Reflexion und Evidenzorientierung diskutiert, wobei aus Sicht des professionstheoretischen Ansatzes der Meta-Reflexivität (Cramer, 2020b) angenommen wird, die Differenzen und damit die Inkohärenz zwischen und innerhalb dieser Fluchtpunkte seien nicht per se widerstreitend, sondern kohärent als inkohärent wahrzunehmen.
Cramer, C. (2020a). Kohärenz und Relationierung in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. In C. Cramer, J. König, M. Rothland, & S. Blömeke (Hrsg.), Handbuch Lehrerinnen- und Lehrerbildung (S. 269–279). Klinkhardt utb. https://doi.org/10.35468/hblb2020-031
Cramer, C. (2020b). Meta-Reflexivität in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. In C. Cramer, J. König, M. Rothland, & S. Blömeke (Hrsg.), Handbuch Lehrerinnen- und Lehrerbildung (S. 204–214). Klinkhardt utb. https://doi.org/10.35468/hblb2020-024
Cramer, C., & Schreiber, F. (2018). Subject Didactics and Educational Sciences. Relationships and Their Implications for Teacher Education from the Viewpoint of Educational Sciences. Research in Subject-matter Teaching and Learning, 1(2), 150–164. https://doi.org/10.23770/rt1818
Degeling, M., Franken, N., Freund, S., Greiten, S., Neuhaus, D., & Schellenbach-Zell, J. (Hrsg.). (2019). Herausforderung Kohärenz: Praxisphasen in der universitären Lehrerbildung. Bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven. Klinkhardt.
Führer, C., & Führer, F.-M. (Hrsg.). (2019). Dissonanzen in der Deutschlehrerbildung. Theoretische, empirische und hochschuldidaktische Perspektiven. Waxmann.
Gogolin, I., Hannover, B. & Scheunpflug, A. (Hrsg.). (2020). Evidenzbasierung in der Lehrkräftebildung. Springer VS.
Hellmann, K. (2019). Kohärenz in der Lehrerbildung – Theoretische Konzeptionalisierung. In K. Hellmann, J. Kreutz, M. Schwichow, & K. Zaki (Hrsg.), Kohärenz in der Lehrerbildung. Theorien, Modelle und empirische Befunde (S. 9–30). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-23940-4
Helsper, W. (2001). Praxis und Reflexion. Die Notwendigkeit einer „doppelten Professionalisierung“ des Lehrers. Journal für Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 1(3), 7–15.
Helsper, W. (2021). Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Eine Einführung. utb.
Hericks, U. (2004). Verzahnung der Phasen der Lehrerbildung. In S. Blömeke, P. Reinhold, G. Tulodziecki, & J. Wildt (Hrsg.), Handbuch Lehrerbildung (S. 301–311). Klinkhardt.
Idel, T.-S. (2021). Jenseits von „Verzahnung“. Plädoyer für eine differenztheoretische Sicht auf Kohärenz in der Lehrkräftebildung. In C. Reintjes, T.-S. Idel, G. Bellenberg, & K. V. Thönes (Hrsg.), Schulpraktische Studien und Professionalisierung: Kohärenzambitionen und alternative Zugänge zum Lehrberuf (S. 243–258). Waxmann.
Reintjes, C., Idel, T.-S., Bellenberg, G., & Thönes, K. V. (Hrsg.). (2021). Schulpraktische Studien und Professionalisierung: Kohärenzambitionen und alternative Zugänge zum Lehrberuf. Waxmann. https://doi.org/10.31244/9783830994336.
Schreiber, F., & Cramer, C. (2023). Was sind Bildungswissenschaften? Systematik vielfältiger Auffassungen in der wissenschaftlichen Literatur. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 26(1), 185–210. https://doi.org/10.1007/s11618-023-01140-4
Schreiber, F., Cramer, C., & Randak, M. (2022). Aufgaben und Verortungen der Fachdidaktik in wissenschaftlicher Literatur. Systematische Annäherung an den Begriffsgebrauch. Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 40(1), 97–110. https://doi.org/10.25656/01:24548