Sprecher
Beschreibung
Theorie- und Forschungsperspektiven sind nicht nur differente Zugänge zu Gegenständen – sie bringen letztere selbst mit hervor. Theoretische wie methodologische Prämissen präformieren, was wie in den Blick kommen kann. Forschende müssen sich deshalb selbstreflexiv die Frage stellen, was die eigene Forschungspraxis mit den Beforschten macht (Thompson & Wrana, 2019). Vor diesem Hintergrund greift die Arbeitsgruppe die gegenstandskonstitutive Frage auf, wie das Personal der Lehrer:innenbildung in unterschiedlichen Forschungsperspektiven von den Forschenden positioniert wird und welche Implikationen hiermit für die Generierung von Erkenntnissen hinsichtlich der Praxis der Lehrer:innenbildner:innen verbunden sind.
Judith Küper und Corrie Thiel gehen in ihrem Vortrag „Affirmation statt Kritik? Zur Positionierung des Personals in traditionstheoretischen Perspektivierungen der Lehrer:innenbildung“ der Frage nach, wie Lehrkräftebildner:innen in traditionstheoretischen Perspektivierungen der Lehrer:innenbildung (Bellmann, Küper, Hans, & Thiel, 2021) positioniert werden. Ein Ausgangspunkt für den Rückgriff auf traditionstheoretische Perspektivierungen der Lehrer:innenbildung war die Beobachtung, dass die schulpraktische Ausbildung angehender Lehrer:innen forschungsseitig zumeist als defizitär in den Blick rückt. Ein Einsozialisiert-Werden in bestehende Strukturen wird befürchtet (z.B. Kunze, 2014). Die etablierte Praxis gilt als konservativ und innovierungs- auf jeden Fall reflexionsbedürftig. Demgegenüber erscheinen die Ausbilder:innen in einer traditionstheoretischen Perspektive als Vertreter:innen einer Praxistradition, die für einen Lebensbereich gemeinsam Sorge tragen und ein Gefühl dafür teilen, wofür es in diesem einzustehen gilt (Küper, 2022). Im Vortrag wird die traditionstheoretische Perspektive anhand einer gesprächsanalytisch ausgewerteten Szene aus einem Unterrichtsnachgespräch, das im Rahmen eines Unterrichtsbesuches im Referendariat stattgefunden hat, illustriert. Anschließend wird unter Bezug auf die Beispielszene reflektiert, wie Ausbilder:innen in einer traditionstheoretischen Perspektivierung der Lehrer:innenbildung positioniert werden. Einen zentralen Stellenwert nehmen in der methodologischen Reflexion dabei die Fragen ein, ob traditionstheoretische Perspektivierungen der Lehrer:innenbildung notwendigerweise praxisaffirmativ sein müssen und welche Möglichkeiten der Kritik mit ihnen verbunden sind, ohne dabei in schlichte Defizitdiagnosen zurückzufallen.
Mit dem Vortrag „Das ‚Werden des Personals‘ als Subjektivierungsgeschehen“ von Nele Kuhlmann und Tobias Leonhard werden den im ersten Vortrag vorgestellten traditionstheoretischen Perspektivierungen der Lehrer:innenbildung adressierungstheoretische Perspektivierungen gegenübergestellt. Mit dem „elegante[n] Dreisprung“ (Wittpoth, 2023, S. 11) der Konzepte Subjektivierung, Anerkennung und Adressierung liegt mit dem adressierungsanalytischen Zugriff ein Ansatz einer „sozialtheoretischen Erziehungswissenschaft“ (Kuhlmann, Rose, Hilbrich, Bellmann & Reh, 2023) vor, dem es um das relationale Werden von Subjekten und der empirischen Beschreibung dieses Werdens geht. Folgende Fragen sind dabei in Hinblick auf das wissenschaftliche Personal der Lehrer:innenbildung leitend:
- Wie wird jemand in den organisationalen und wissenschaftlichen Macht-
und Anerkennungsordnungen zur bzw. zum „WiMi“, „Dozent:in“ oder
„Jun.-Prof:in“ (gemacht)? - Wie nimmt die (u. a. durch den Lehrpersonenmangel induzierte) Praxisbedrängnis des Studiums das Selbstverhältnis als Wisenschaftler:in und /oder Lehrerbildner:in ‚in Beschlag‘?
- Welche Bedeutung hat es in diesen Prozessen, „auch mal Lehrer:in gewesen“ zu sein?
Um diese und andere Fragen zum ‚Werden‘ des Personals der Lehrer:innenbildung empirisch gehaltvoll zu bearbeiten, wird vorgeschlagen, an den Praktiken der Lehrpersonenbildung und in den Formaten teilzunehmen, die darauf abzielen, ‚Kompetenzen‘ für die Arbeit an Hochschulen der Lehrerpersonenbildung anzubahnen sowie diese Vollzugswirklichkeit als Anerkennungsgeschehen zu verstehen, in dem Lehrpersonenbildner:innen in bestimmter Weise subjektiviert werden. Im Vortrag werden die grundlegenden Ideen des erwähnten ‚Dreisprungs‘ skizziert, an einem Beispiel gezeigt, zu welchen Befunden eine solche Perspektivierung kommen kann und der theoretisch-methodologische Blick auf das Personal in Bezug auf die damit verbundene Positionierung als gleichermaßen ‚subjektivierte und sich subjektivierende Subjektivationsinstanzen‘ in den Institutionen der Lehrer:innenbildung bilanziert.
Während die ersten beiden Vorträge spezifische Theorieperspektiven zum Ausgangspunkt nehmen und deren Implikationen für die Positionierung des Personals der Lehrer:innenbildung herausarbeiten, fragt Christoph Kruse in seinem Vortrag „Zur Auswahl theoretischer Perspektiven auf Gutachten aus dem Vorbereitungsdienst. Implikationen für Erkenntnisse zur schriftlichen Beurteilungspraxis von Lehrer:innenbildner:innen“ anhand einer Analyse von Gutachtenzitaten nach der (Un-)Angemessenheit unterschiedlicher Theorieperspektiven. Der Beitrag basiert auf einer dokumentenanalytischen Grounded-Theory-Studie zur Beforschung von Gutachten aus dem Vorbereitungsdienst, in der verschiedene theoretische Perspektiven aufgegriffen werden: In systemtheoretischer Perspektive kommt das Technologiedefizit bei gleichzeitigem funktionalen Zwang zur Technologisierung des Handelns angehender Lehrkräfte als Thema schriftlicher Beurteilungen durch Lehrer:innenbildner:innen in den Blick. Eine konversationsanalytisch grundierte Variante der Dokumentenanalyse rückt sprachliche Techniken zur Absicherung des formulierten Urteils in den Gutachten in den Vordergrund. Eine professionalitätstheoretische Perspektive (z.B. Terhart, 2011) auf Beurteilungen von Lehrer:innenbildner:innen impliziert indes kaum weiterführende Enttäuschungsbefunde. Es scheint vielmehr eine steuerungstheoretische Perspektive auf Professionalität gewinnbringend, die die Lehrer:innenbildner:innen mit der leistungsstratifizierenden Entscheidung über den „Zugang zur Berufsgruppe und der beruflichen Tätigkeit“ (Schimank, 2014, S. 135) fokussiert. Angesichts der skizzierten Zusammenhänge gewinnt die begründete Auswahl von Theorieperspektiven an Bedeutung. Damit verbunden ist die Aufgabe, die (Un-)Angemessenheit der einzelnen Perspektiven unter Bezug auf das empirische Material zu diskutieren. Mit diesem Vorgehen sollen im Vortrag die Implikationen der theoretischen Zugriffe nicht nur für die Genese, sondern auch für die Bewertung ausgewählter Erkenntnisse zur Beurteilungspraxis von Lehrerbildner:innen veranschaulicht werden.
Die Beiträge werden übergreifend unter Bezug auf die für die Arbeitsgruppe leitende Fragestellung, inwiefern Theorien für die Positionierung des Personals der Lehrer:innenbildung durch die Forschung einen Unterschied machen, von Petra Herzmann kommentiert.
Literatur
Bellmann, J., Küper, J., Hans, K., & Thiel, C. (2021). Qualität als Tradierungsproblem. Eine Auseinandersetzung mit Forschungsperspektiven auf evaluative Praktiken in der Lehrer*innenbildung. Bildung und Erziehung, 74, 8–30.
Kuhlmann, N., Rose, N., Hilbrich, O., Bellmann, J., & Reh, S. (Hrsg.). (2023). Sozialtheoretische Erziehungswissenschaft. Konturen eines Theorie- und Forschungsprogramms. Weinheim: Beltz Juventa.
Kunze, K. (2014). Professionalisierungspotentiale und -probleme der sozialisatorischen Interaktion im Studienseminar. Zeitschrift für interpretative Schul- und Unterrichtsforschung, 3, 44–57.
Küper, J. (2022). Das Antworten verantworten. Zur (Re-)Konzeptualisierung praktischer pädagogischer Reflexion anhand von Unterrichtsnachgesprächen im Kontext der zweiten Phase der Lehrer:innenbildung. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
Schimank, U. (2014). Governance und Professionalisierung. In K. Maag Merki, R. Langer, & H. Altrichter (Hrsg), Educational Governance als Forschungsperspektive: Strategien. Methoden. Ansätze (127–150). Wiesbaden: Springer.
Terhart, E. (2011). Lehrerberuf und Professionalität: Gewandeltes Begriffsverständnis - neue Herausforderungen. Zeitschrift für Pädagogik, 57(57. Beiheft), 202–224.
Thompson, C., & Wrana, D. (2019). Zur Normativität erziehungswissenschaftlichen Wissens – drei Thesen. In W. Meseth, R. Casale, A. Tervooren, & J. Zirfas (Hrsg.), Normativität in der Erziehungswissenschaft (171–180). Wiesbaden: Springer VS.
Wittpoth, J. (2023). Darf’s ein bisschen mehr sein? Dimensionen des Sozialen in einer ‚sozialtheoretischen Erziehungswissenschaft‘. In N. Kuhlmann, N. Rose, O. Hilbrich, J. Bellmann, & S. Reh (Hrsg.), Sozialtheoretische Erziehungswissenschaft. Konturen eines Theorie- und Forschungsprogramms (109–121). Weinheim: Beltz Juventa.