Sprecher
Beschreibung
Der Vortrag untersucht die Interaktionspraxis mündlicher Prüfungen im Kontext des bildungswissenschaftlichen Lehramtsstudiums vor dem Hintergrund der handlungslogisch-strukturtheoretischen Professionalisierungstheorie (Helsper 2021). Trotz ihrer seit der Bologna-Reform stark erhöhten Anzahl und der kaum zu überschätzenden Bedeutsamkeit, die ihnen lebensweltlich beigemessen wird, wurden Prüfungen als diejenigen institutionalisierten pädagogische Praxen, in denen sich primär die konstitutive Selektionsaufgabe des (Hochschul-)Bildungssystems vollzieht, bislang insgesamt wenig beforscht (Reh/Ricken 2017), insbesondere aber von der (erziehungswissenschaftlichen) Professionsforschung geradezu ignoriert (mit der Ausnahme: Herzmann/Liegmann 2020).
Im Rahmen der vorgestellten Untersuchung werden die Praxis des Prüfens und insbesondere das Handeln der Prüfenden unter dem Gesichtspunkt der (De-)Professionalisierung betrachtet. Professionalisierungsindikativ aus Sicht des strukturtheoretischen Ansatzes erscheint dabei weniger das ‚Was‘ – die Inhalte, der Prüfung – sondern das ‚Wie‘, genauer: die Art und Weise, wie die Prüfenden (und die Geprüften) die Prüfung als Praxis in Geltung setzen, welche impliziten Ansprüche darin sichtbar werden, und wie diese mit den Zugzwängen sozialer Interaktion vermittelt werden. Mündlichen Prüfungen bilden hierfür ein besonders ausdrucksstarkes Datenmaterial, insofern die Prüfenden bei dieser Prüfungsform in eine direkte Interaktion mit den Geprüften treten. Die Datenbasis der präsentierten Untersuchung bilden folglich transkribierte Protokolle von Prüfungsgesprächen im Rahmen des Lehramtsstudiums in den Fächern Erziehungswissenschaft/Pädagogik sowie Deutschdidaktik. Die Protokolle werden sequenzanalytisch mithilfe der Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik (Franzmann et al. 2022) untersucht.
Erste Befunde deuten darauf hin, dass zwei Herausforderungen bezüglich der Prüfungspraxis prägend sind: Erstens sind mündliche Prüfungen disziplinübergreifend durch eine außeralltägliche ‚Intensität‘ (Tyagunova 2021) gekennzeichnet. Sie tragen geradezu zeremonielle Züge (vgl. Plessner 1924/2002). Darin, diese strenge Form weder zu unterlaufen noch zu überdehnen, scheint ein Handlungsproblem auch und gerade für die Prüfenden zu liegen. Empirisch zu beobachten sind Dynamiken der scheinbaren Entschärfung und zugleich latenten Überspannung des Prüfungsgeschehens. Zweitens sind Prüfungen im Rahmen bildungswissenschaftlicher Lehrveranstaltungen mit dem disziplinären Anspruch belegt, nicht nur das deklaratives Wissen der Prüfungskandidat:innen zu testen (vgl. Benner 2018: 114-116). Wie auch in anderen diskursiven Disziplinen, stehen die Prüfungen unter dem Anspruch, ein Fachgespräch zu sein, in dem sich auch eine fachliche Identität bei den Teilnehmenden zeigen soll (vgl. Herzmann/Liegmann 2020). Diese Herausforderung wird im Fall des bildungswissenschaftlichen Lehramtsstudiums noch dadurch verschärft, dass diese Disziplinen mit dem von ihnen nicht einzulösenden Anspruch der unmittelbaren berufspraktischen Adressierung und Qualifizierung der Lehramtsstudierenden belastet sind (König 2021).
Literatur
Benner, D. (2018). Über drei Arten von Kausalität in Erziehungs- und Bildungsprozessen und ihre Bedeutung für Didaktik, Unterrichtsforschung und empirische Bildungsforschung. Zeitschrift für Pädagogik 64 (1), 107-120.
Franzmann, M./Rychner, M./Scheid, C./Twardella. J. (2022). Objektive Hermeneutik. Handbuch zur Methodik in ihren Anwendungsfeldern. Stuttgart: Barbara Budrich.
Helsper, W. (2021). Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns: Eine Einführung. Stuttgart: utb.
Herzmann, P./Liegmann, A. (2020). Mündliche Prüfungen im Kontext des Forschenden Lernens. (Re-)Adressierungen als Inszenierung studentischer Expertise. Zeitschrift für Pädagogik 66 (5), 727-745.
König, H. (2021). Unpraktische Pädagogik. Untersuchungen zur Theorie und Praxis erziehungswissenschaftlicher Lehre. Wiesbaden: Springer VS.
Plessner, H. (1924/2002). Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Reh, S./Ricken, N. (2017). Prüfungen - systematische Perspektiven der Geschichte einer pädagogischen Praxis. Einführung in den Thementeil. Zeitschrift für Pädagogik 63 (3), 247-258.
Tyagunova, T. (2021). Prüfungskompetenz: Interaktive Steuerung von Wissensdarstellungen in mündlichen Universitätsprüfungen. Sozialer Sinn 22 (1), 185-221.