Sprecher
Beschreibung
Ausbilder:innen in der Lehrer:innenbildung unterscheiden sich ausbildungsphasen- und länderspezifisch hinsichtlich ihrer Funktionen und Rollen – und damit auch hinsichtlich der Aufgaben, die ihnen in der Begleitung angehender Lehrpersonen zukommt. Mit ihrer jeweiligen institutionellen Zugehörigkeit wird eine weitere Differenz aufgemacht. Ob sie als Ausbilder:in der Hochschule, dem Landesinstitut oder der Praktikumsschule angehören, hat insofern Bedeutung, da sie gegenüber den Studierenden (oder Referendar:innen) die jeweiligen Normen der Organisation(en) zu vertreten haben. Diese drücken sich einerseits in formal-rechtliche Vorgaben (z.B. Bewertungskriterien, Abläufe, Gesprächsformate) aus und andererseits transportieren sie Professionalisierungserwartungen der Institution, die bestimmten professionstheoretischen Konzepten folgen. Diese finden ihren Ausdruck als implizite Erwartungen an das Ausbilder:innenhandeln oder als explizite Vorgaben für die didaktische Gestaltung (von Seminaren, Gesprächen). Sich zu diesen Normen mit dem eigenen Professions- und Ausbilder:inverständnis ins Verhältnis zu setzen, wirft mögliche Spannungsverhältnisse auf und erfordert eine Positionierung und einen Umgang mit diesen durch die Ausbilder:innen.
Unsere Arbeitsgruppe möchte diesem Spannungsverhältnis zwischen Institutionsnormen (Bohnsack, Bonnet & Hericks, 2022) und der Aushandlung vor dem Hintergrund der Ausbilder:inorientierungen (Kosinar & Laros, 2023) anhand audiografierter Unterrichtsnachbesprechungen nachgehen. Dabei vergleichen wir das Ausbildungshandeln von deutschen Fachleitungen mit jenem von Praxislehrpersonen der Schweiz und aus Australien.
Den drei Beiträgen liegt Material aus dem Internationalen Projekt «Ausbildungsgespräche professionalisierungsorientiert gestalten (AProGe)» zugrunde. Die Analyse der Daten aus in-situ-Situationen folgt dem rekonstruktiven Verfahren der dokumentarischen Methode (Bohnsack, 2017), das für die Interaktionsanalysen leicht modifiziert wurde. Dieses Verfahren wird sowohl für die Forschung (Beitrag 1 und 2) als auch in der Fortbildung von Ausbilder:innen eingesetzt (vgl. Beitrag 3).
Es werden zunächst zentrale Informationen zu den Funktionsträger:innen und die Ausbildung rahmenden Konzeptionen gegeben (’10), bevor drei Einzelbeiträge folgen.
Beitrag 1 differenziert die Institutionsnormen theoretisch aus und veranschaulicht die Anforderungen, die im Umgang mit diesen aufgeworfen werden an Fallbeispielen. (‘20 + ‘5)
Beitrag 2 zeigt entlang von Unterrichtsnachbesprechungen schulischer Ausbilder:innen in Australien und der Schweiz, wie Institutionsnormen mit den rekonstruierten Ausbilder:inorientierungen verhandelt werden. (‘20 + ‘5)
Beitrag 3 stellt ein Fortbildungskonzept vor, in dem Ausbilder:innen eigene Unterrichtsnachbesprechungen analysieren. Konzept und Vorgehen sowie angestoßene Erkenntnisse werden an Beispielen vorgestellt. (‘20 + ‘5)
Die Arbeitsgruppe schließt mit einer Diskussion mit den Teilnehmer:innen (‘30), in der wir mögliche Konsequenzen für die Qualifizierung von Ausbilder:innen diskutieren wollen.
Beitrag 1 Carola Junghans (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
Ausbilder:innenhandeln als doppelte Anforderungsstruktur
Im Zentrum dieses Beitrags steht die Berufsgruppe der Ausbilder:innen im Vorbereitungsdienst in Deutschland. Ihr Ausbildungsauftrag lautet, im Anschluss an die KMK-Bildungsstandards (2019), Professionalisierungsprozesse von angehenden Lehrpersonen im berufspraktischen Feld anzustoßen. Die, in den Bundesländern unterschiedliche, institutionelle Organisation des Vorbereitungsdienstes ist mit Normen verbunden, die ihren Ausdruck u.a. in Ausbildungs- und Prüfungsordnungen finden. In ihnen wird implizit und explizit auf professionalisierungstheoretische Positionen Bezug genommen, wodurch diese selbst eine normative Perspektive erhalten. Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, inwiefern durch diese Bezugnahme auf theoretische Grundpositionen und empirische Befunde zu Professionalisierungsprozessen (Kosinar 2014; Krüger 2014; Gerlach 2020; Wiernik 2020) spezifische Anforderungen an das Handeln von Ausbilder:innen hervorgehen, wenn dieses – mit Blick auf die angehenden Lehrpersonen – als ein professionalisierungsförderliches Handeln und – mit Blick auf die Ausbildenden selbst – als ein professionalisiertes Handeln beschrieben wird. Es wird also davon ausgegangen, dass Ausbildende in eine doppelte Anforderungsstruktur eingestellt sind und ihnen eine doppelte Expertise abverlangt wird: einerseits für das Fach, für das sie ausbilden und andererseits für die Begleitung des Professionalisierungsprozesses angehenden Lehrpersonen. An Beispielen aus transkribierten Unterrichtsnachbesprechungen kann veranschaulicht werden, dass für diese zweite Perspektive professionalisierungstheoretisches wissenschaftliches Wissen relevant wird, auf dessen Basis Spannungsfelder der Ausbildungsarbeit erkannt und bearbeitet werden können.
Beitrag 2 Tamina Kappeler & Julia Kosinar (Pädagogische Hochschule Zürich)
Schulische Ausbilder:innen in der Schweiz und in Australien in Unterrichtsnachbesprechungen – vom Umgang mit Institutionsnormen und Anforderungen im Ländervergleich
Für die Ausbildung Lehramtsstudierender kommt den Praxislehrpersonen insbesondere in der einphasigen schweizerischen und australischen Lehrer:innenbildung eine zentrale Rolle zu (Reintjes, Bellenberg, & im Brahm, 2018). In beiden Kontexten begleiten erfahrene Lehrpersonen nach einer weiterbildenden Qualifizierung Studierende im Rahmen von Praktika und führen mit ihnen regelmässig Unterrichtsnachbesprechungen durch, welche als (potenzielle) Räume für Lernangelegenheiten gelten (Kreis, 2012). Diese Teilstudie im Projekt AProGe vergleicht, wie sich Schweizer und australische Praxislehrpersonen bzw. Supervising Teachers mit ihren Ausbilder:inhabitus (Helsper, 2018, Kosinar & Laros, 2023) zu den wahrgenommenen Institutionsnormen ins Verhältnis setzen. Dabei kommen die Ausbildungskonzepte der jeweiligen Hochschule zur Anwendung, die wir als Institutionsnormen (Bohnsack, Bonnet & Hericks, 2022) fassen. Mit der Rekonstruktion der autographierten Gespräche wird der Orientierungsrahmen im weiteren Sinne (Bohnsack, 2017) erfasst und fallkomparativ ausgeschärft. In unserem Beitrag stellen wir das Analysevorgehen vor und veranschaulichen anhand ausgewählter Fallrekonstruktionen länderspezifische Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Bisherige Analysen deuten darauf hin, dass in australischen Nachbesprechungen die Fachexpertise der Ausbilder:innen das Gespräch strukturiert während sich die Schweizer Praxislehrpersonen eher an einer kollegialen, ko-konstruktiven Unterrichtsbesprechung orientieren.
Beitrag 3 Julia Kosinar & Carola Junghans
Den eigenen handlungsleitenden Normen und Orientierungen auf die Spur kommen – eine Fortbildung mit Fachleitungen der 2. Phase
Die Aus- und Weiterbildung von Ausbilder:innen wird in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich gehandhabt. Lehrpersonen, die für die Übernahme der Betreuung von Referendar:innen als Fachleiter:innen, abgeordnet werden, erhalten i.d.R. keine systematische Qualifizierung. Im Rahmen des Internationalen Projekts AProGe werden neben den forschungsbezogenen Teilstudien auch Fortbildungskonzepte erprobt. In Kooperation mit dem ZfsL Leverkusen wurde ein Fortbildungsprogramm entwickelt, in dessen Rahmen Fachleitungen mehrmals eigene audiografierte Ausbildungsgespräche einbringen, die nach einer Vorauswahl geeigneter Sequenzen in Kleingruppen analysiert werden (Kosinar, Junghans & Hornbruch i.V./2024). Die Sequenzauswahl durch die Referent:innen orientiert sich am Entwicklungsanliegen, das die Ausbilder:innen selbst einbringen. Das Analysevorgehen folgt den Schritten der Dokumentarischen Methode (Nohl, 2006), das für die Rekonstruktion von Interaktionsgesprächen (vgl. Beitrag 2) modifiziert und für die Fortbildung als detaillierte Fragen an das Material angelegt wurde. Wie die Durchführung des ersten Fortbildungsworkshops zeigt, ist es den Teilnehmer:innen nicht nur möglich, im gemeinsamen, moderierten Prozess, ihre handlungsleitenden Orientierungen in der vorliegenden Situation zu identifizieren, sondern auch, sich darauf einzulassen, dass ihr bisheriges Rollenverständnis oder ihre bisherige Überzeugung von der eigenen Gesprächsgestaltung irritiert wird. Im Beitrag werden das Fortbildungskonzept und die Anwendung der Analysemethode mit Forschungslaien vorgestellt. Die Nachhaltigkeit des Vorgehens als Qualifizierungsformat wird auf der Erfahrungsbasis der Durchführung des 1. Durchgangs diskutiert.