25.–27. Sept. 2024
Universität Trier
Europe/Berlin Zeitzone

Wer sind die Bildungswissenschaftler:innen der Lehrer:innenbildung? Akademische Sozialisation und professionelles Selbstverständnis

26.09.2024, 17:35
35m
B16 (B-Gebäude)

B16

B-Gebäude

Sprecher

Dr. Simon Gordt (Universität Trier, Bildungswissenschaften, Schulpädagogik)Prof. Sabine Klomfaß (Universität Trier, Bildungswissenschaften, Schulpädagogik) Maximilian Kopp (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Beschreibung

Rückblickend erscheint die Jahrtausendwende immer deutlicher als Zäsur durch die Reformen im Kontext des Bologna-Prozesses, die parallel zur Standardisierung (KMK 2004) als Reaktion auf den PISA-Schock zu tiefgreifenden Veränderungen in der Lehrer:innenbildung führten. Mit dem „Ende der Beliebigkeit“ (Terhart 2000, S. 16) haben seitdem die Bildungswissenschaften als neues „disziplinäre[s] Feld [...] die Pädagogik als wissenschaftliche Bezugsdisziplin“ bei der universitären Lehrer:innenbildung ersetzt (Casale 2021, S. 216). Etwa zwei Jahrzehnte später stellen wir in der Arbeitsgruppe die Frage, wie die ‚erwachsenen‘ Bildungswissenschaften gegenwärtig aufgestellt sind.
Die Etablierung der Bildungswissenschaften ist (neben dem institutionellen Ausbau der Fachdidaktiken und der Schulpraktika) in der Ersten Phase der Lehrer:innenbildung Ausdruck einer veränderten Balance zwischen Wissenschafts- und Berufsorientierung, aus der sukzessiv die Professionsforschung als neue Bezugsdisziplin hervorzugehen scheint. Dabei verloren die Erziehungswissenschaft und die Schulpädagogik ihre Hauptzuständigkeit für das (ehemalige) Begleitstudium in den Lehramtsstudiengängen und bilden mittlerweile nur noch eine von mehreren Disziplinen der interdisziplinären Bildungswissenschaften, zu der auch die Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie gehören (Radhoff & Ruberg 2016; Terhart 2012; Casale 2021). Einen weiteren Kulminationspunkt in der Entwicklung zwischen Disziplin und Profession stellt die Kontroverse über das sogenannte Schulpraxiserfordernis dar, das zwar 2004 aus dem Hochschulrahmengesetz gestrichen wurde, in vielen Landeshochschulgesetzen jedoch erhalten blieb.
Die Kombination der Interdisziplinarität und solcher bildungspolitischer Vorgaben legt nahe, dass sich diese sowohl in den Karrierewegen des bildungswissenschaftlichen Personals als auch in dessen Professionsverständnissen widerspiegeln.

Berichtet werden Befunde aus einer Erhebung zu Karrierewegen von Wissenschaftler:innen, die in den Bildungswissenschaften lehren. Explorativ wurden dazu alle Standorte der lehrpersonenbildenden Universitäten in den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Saarland und Niedersachsen erfasst. Das Analyseziel liegt darin, Muster sowohl hinsichtlich der Sozialisationserfahrungen des akademischen Personals als auch der universitären Standorte hinsichtlich der Zusammensetzung des bildungswissenschaftlichen Personals zu rekrutieren.
Diese Muster stellen den Ausgangspunkt für die Rekonstruktion der berufsbiografischen Professionalisierung im Vergleich von typischen und untypischen Karrierewegen. Uns interessiert vor allem, wie die Bildungswissenschaftler:innen ihr professionelles Selbstverständnis bezogen auf ihre Lehr- und Forschungsaufgaben in der Lehrer:innenbildung interpretieren. Dazu werden Ergebnisse einer Analyse narrativer Interviews (Schütze 1983) vorgestellt, die auf einer aus berufsbiografischen Ansätzen der Professionsforschung (Wittek & Jacob 2020) abgeleiteten Heuristik beruhen.

Literatur
Casale, R. (2021). Die Entpädagogisierung der Lehrerbildung in der Bundesrepublik und die Entstehung der Bildungswissenschaft als Leitdisziplin in den 1990er Jahren. In R. Casale, J. Windheuser, M. Ferrari & M. Morandi (Hrsg.), Kulturen der Lehrerbildung in der Sekundarstufe in Italien und Deutschland (S. 212–224). Klinkhardt.
Kiehne, B. (2015). Die Biografie lehrt mit. Eine qualitative Untersuchung zum Zusammenhang von Lernbiografie und Lehrüberzeugungen bei Nachwuchslehrenden. Waxmann.
KMK (2004). Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16.12.2004.
Kotthoff, H.-G. & Terhart, E. (2013). New solutions to old Problems? Revista Española de Educación Comparada, 22, 73–92.
Kuckartz, U. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Beltz Juventa.
Meuser, M., & Nagel, U. (1991). ExpertInneninterviews - vielfach erprobt, wenig bedacht: ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion. In D. Garz & K. Kraimer (Hrsg.), Qualitativ-empirische Sozialforschung: Konzepte, Methoden, Analysen (S. 441–471). Westdt. Verlag.
Radhoff, M., & Ruberg, C. (2016). Die Lehramtsausbildung. In H.-C. Koller, H. Faulstich-Wieland, H. Weishaupt, & I. Züchner (Hrsg.), Datenreport Erziehungswissenschaft 2016 (S. 41–57). Barbara Budrich.
Schütze, Fritz, 1983. Biographieforschung und narratives Interview. In: neue praxis. 13(3), S. 283–296.
Seel, N. M., & Zierer, K. (2018). Den „guten“ Unterricht im Blick. Oder: Warum die Allgemeine Didaktik unersetzlich ist. Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung, S. 378–389.
Terhart, E. (2000). Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland. Beltz.
Terhart, E. (2005). Zentren für Lehrerbildung: systematische Probleme, institutionelle Widersprüche, praktische Schwierigkeiten. In H. Merkens (Hrsg.), Lehrerbildung: Zentren für Lehrerbildung (S. 15–31). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Terhart, E. (2012). „Bildungswissenschaften“. Verlegenheitslösung, Sammeldisziplin, Kampfbegriff? Zeitschrift für Pädagogik, 58(1), 22–39.
Wittek, D. & Jacob, C. (2020). (Berufs-)biografischer Ansatz in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. In: C. Cramer, J. König, M. Rothland & S. Blömeke (Hrsg.): Handbuch Lehrerinnen- und Lehrerbildung (S. 196–203). Klinkhardt.

Hauptautoren

Dr. Simon Gordt (Universität Trier, Bildungswissenschaften, Schulpädagogik) Prof. Sabine Klomfaß (Universität Trier, Bildungswissenschaften, Schulpädagogik) Maximilian Kopp (Justus-Liebig-Universität Gießen)

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