Sprecher
Beschreibung
Die in den Hochschuldienst abgeordneten Lehrkräfte sind schulpraktisch erfahrene Beamt:innen, die von den Kultusbehörden befristet an Hochschulen abgeordnet werden, um die erste Phase der Lehrer:innenbildung inhaltlich und personell zu unterstützen. Sie werden vielerorts im Rahmen von bildungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Lehrveranstaltungen sowie schulpraktischen Studien eingesetzt und in der Forschung tätig. In einzelnen Publikationen wird aufgezeigt, dass der berufliche Übergang zwischen Schule und Hochschule aus individueller Perspektive mitunter als (potentiell) konflikthaft und unterschiedlich spannungsreich wahrgenommen wird (vgl. Kreische, 2020, S. 29; vgl. Naumann, 2021, S. 391).
Weitere empirische Befunde deuten auf produktiv angesehene Vorstellungen und Überzeugungen einzelner abgeordnete Lehrkräfte zu Theorie-Praxis-Relationen. Auf dieser Grundlage kann die Bedeutung von den in den Hochschuldienst abgeordneten Lehrkräften für den Wissenstransfer zwischen Schule und Universität angenommen werden (Klomfaß & Kesler 2019; Klomfaß et. al. 2020). Da diese Lehrkräfte in einem differenztheoretischen Verständnis mit unterschiedlichen Weltsichten und strukturellen Bedingungen beider Institutionen sozialisiert werden, erscheint u.a. fraglich, wie sie den Anforderungswechsel zwischen Schule und Hochschule (vor dem Hintergrund ihrer kollektiven Erfahrungen) wahrnehmen und bewältigen.
Die laufende Studie zielt auf die Rekonstruktion der Orientierungsrahmen von (ehemalig) in den Hochschuldienst abgeordneten Lehrkräften im Zuge ihrer beruflich-institutionellen Transition. Trotz der anhaltenden Diskussion um das sog. „Theorie-Praxis-Verhältnis“ (Rothland, 2020), wurden die Transitionsprozesse dieser Personen bislang kaum untersucht.
Damit werden Forschungsdesiderata adressiert, indem typische Anpassungsprozesse bzw. Auseinandersetzungen im Rahmen der Laufbahnen von abgeordneten Lehrkräften in Bezug auf die Bedingungen und Herausforderungen im Feld der Lehrer:innenbildung (für diese Personen) gezielt in den Forschungsfokus rücken.
Um die Transitions- bzw. Entwicklungsprozesse im Laufbahnkontext von abgeordneten Lehrkräften unter Einbeziehung der feldspezifischen konstitutiven Bedingungen herauszuarbeiten, werden im Verlauf der Untersuchung verschiedene sensibilisierende Konzepte nach Blumer (1954) angewandt.
Es wurden leitfadengestützte Interviews (vgl. Hopf, 2009, S. 358) mit 27 (ehemals) in den Hochschuldienst abgeordneten Lehrkräften (Erziehungswissenschaft und Fachdidaktiken) zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten geführt, die mit der Dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack 2014) ausgewertet werden.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich folgende erkenntnisleitenden Fragestellungen:
- Wie deuten und konstruieren abgeordnete Lehrkräfte Anforderungen im Zuge ihrer beruflich-institutionellen Transition? Welche Strategien der Anforderungs- und Krisenbearbeitung entwickeln in diesem Kontext abgeordnete Lehrkräfte?
- Wie deuten und konstruieren abgeordnete Lehrkräfte ihre Funktion/Rolle in der Lehrpersonenbildung und wie füllen sie diese aus?
- Welche (veränderten) Orientierungsrahmen auf Wissenschaft und Schule lassen sich für diese Personengruppe rekonstruieren?
Im Zuge der initialen Datenauswertung lassen sich in Bezug auf die Verarbeitung des beruflichen Wechselprozesses auf der Anforderungsseite mehrere differente (krisenhafte) Wahrnehmungen und Erfahrungen feststellen. In diesem Zusammenhang finden sich bei den Untersuchungspersonen unterschiedliche Strategien in der Anforderungs- und Krisenbewältigung vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen durch die Abordnung. Insofern gestalten sich die Laufbahnen der Untersuchungspersonen auf unterschiedliche Weisen. Überdies zeichnet sich ab, dass die Vorstellungen in Bezug auf die Felder Schule und Hochschule und deren Bewertung differieren. Im Vortrag wird u.a. anhand eines Fallvergleichs aufgezeigt, wie abgeordnete Lehrkräfte den (mehrfachen) Anforderungswechsel im Zuge des Transitionsprozesses auf unterschiedliche Weisen konflikthaft wahrnehmen und ihre (berufliche) Rolle aushandeln bzw. konstruieren. Darüber hinaus werden (vorläufige) fallübergreifende Zwischenergebnisse und ein Ausblick auf den Fortgang der Studie skizziert.
Literatur
Blumer, Herbert (1954): What is Wrong with Social Theory? American Sociological Review, 3-10.
Bohnsack, R. (2014). Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in qualitative Methoden (9., durchgesehene Auflage). Verlag Barbara Budrich.
Hopf, C. (2009). Qualitative Interviews – ein Überblick. In U. Flick, E. von Kardorff, & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung: Ein Handbuch (S. 349–360). rowohlts enzyklopädie im Rowohlt Taschenbuch Verlag.
Klomfaß, S., & Kesler, W. (2019). Welchen Transfer können Lehrerinnen und Lehrer im Hochschuldienst leisten? In N. van Holt & V. Manitius, Transfer zwischen Lehrer(fort)bildung und Wissenschaft (1. Aufl., S. 211–230). wbv Publikation.
Klomfaß, S., Kesler, W., & Stier, J. (2020). Praxisansprüche—Theorie-Praxis-Reflexionen abgeordneter Lehrer_innen im Hochschuldienst. HLZ, 3(2), 151–163.
Kreische, T. (2020). Wissensaustausch durch Personalaustausch? Pädagogik 10/2020, 27–29. https://doi.org/10.3262/PAED2010027
Naumann, I. (2021). „Ich fühle mich ein bisschen wie eine Schülerin oder eine Studentin“ – Grundschullehrer*innen im Hochschuldienst. In N. Böhme, B. Dreer, H. Hahn, S. Heinecke, G. Mannhaupt, & S. Tänzer (Hrsg.), Mythen, Widersprüche und Gewissheiten der Grundschulforschung: Eine wissenschaftliche Bestandsaufnahame nach 100 Jahren Grundschule (S. 387–396). Springer VS.
Rothland, M. (2020). Theorie-Praxis-Verhältnis in der Lehrerinnen und Lehrerbildung. In C. Cramer, J. König, M. Rothland, & S. Blömeke (Hrsg.), Handbuch Lehrerinnen- und Lehrerbildung (S. 104–139). Verlag Julius Klinkhardt.