Sprecher
Beschreibung
An der deutschen Universität gilt seit nunmehr 200 Jahren das Primat der Forschung, dessen wechselnde Priorisierung mit der Lehre in der historischen Rekonstruktion zutage tritt (vgl. Schrittesser 2012: 84). Zugleich gelten auch für jene, die sich demgemäß zuvörderst als Forscher:innen verstehen, zwei Punkte: Erstens muss, wer forscht, auch lehren und zweitens ist universitäres Lehren als Vermittlungsgeschehen immer schon pädagogisch verfasst. Es gilt also, sich im Kontext des eigenen Selbstverständnisses zur Lehre und seiner je spezifischen Vermittlung zu positionieren. Eine erkenntnisleitende Annahme des annoncierten Beitrags ist, dass diese Positionierung umso leichter fällt, je stärker die Studierenden als Kolleg:innen gedeutet werden (z.B. in thematisch engeren Vertiefungsrichtungen oder Masterkolloquien) wohingegen jene, die ‚auf Lehramt‘ studieren vielfach hinsichtlich ihrer späteren beruflichen Tätigkeit adressiert und darauf reduziert werden (vgl. Hedtke 2020).
Der Vortrag möchte sich hinsichtlich dieser Ausgangslage insbesondere dem Pädagogischen als Bezugspunkt der Lehrer:innenbildung zuwenden. Auf Grundlage von Interaktionsprotokollen – hier: der Biologie – aus dem von der DFG geförderten Projekt FAKULTAS – Zwischen heterogenen Lehrkulturen und berufspraktischen Ansprüchen: Fallrekonstruktionen zur universitären Ausbildungsinteraktion im Lehramtsstudium geschieht dies mit einer doppelten Bezugnahme: Erstens hinsichtlich der expliziten Abwehr des Pädagogischen („da wehre ich mich gegen“, Dozent Transkript Bio 2, Übung) und zweitens als die Unmöglichkeit – trotz jener Abwehr – nicht pädagogisch zu lehren. Das Erkenntnisinteresse orientiert sich dabei an einer Figur der doppelten Vermittlung: Die (implizite) Didaktik der für die gewählte Lehrveranstaltung sowie die explizite Aufforderung und auf das Erziehungssystem gerichtete „große Hoffnung“ (Luhmann 1986: 193) der Vermittlung und Bearbeitung ökologischer Fragen und Probleme. Hierbei sollen das fachliche (Selbst-)Verständnis Dozierender bei gleichzeitiger Betonung ihrer Nicht-Zuständigkeit für pädagogische Themen ins Zentrum gerückt werden. Zugleich werden die Studierenden als jene adressiert, die als angehende Lehrer:innen in ihrer pädagogischen Funktion gesellschaftspolitisch bedeutsame Aspekte – hier: der Biologie – im Schulunterricht vermitteln und damit idealerweise nachhaltige Veränderungen anstoßen sollen.
Auf Grundlage einer objektiv-hermeneutischen Fallrekonstruktion zeigt sich hier die latente Pädagogisierung der Lehrinteraktion. Eine zentrale These, die es im Vortrag zu entfalten gilt, weist diese nicht als allgemeines Moment universitärer Lehre, sondern als spezifische Interaktionslogik der Lehrer:innenbildung aus. Hieran gilt es auch die Differenz des Pädagogischen gegenüber der Pädagogisierung theoretisch zu elaborieren.
Der Vortrag soll überdies dazu einladen, nicht nur die eigene Lehrerfahrung als Maßstab dessen, was wir über universitäre Lehre zu wissen glauben, anzulegen – und damit die Annahme eines „Selbstobjektivierungsproblems“ (Wilkesmann 2019: 39; kritisch dazu Kollmer 2023) zu befördern –, sondern sich der universitären Lehre in ähnlicher Weise zuzuwenden, wie es hinsichtlich schulischer Interaktionen längst etabliert ist.
Literatur:
Hedtke, R. (2020): Wissenschaft und Weltoffenheit. Wider den Unsinn der praxisbornierten Lehrerausbildung. In: C. Scheid und T. Wenzl (Hrsg.): Wieviel Wissenschaft braucht die Lehrerbildung? Wiesbaden: Springer VS, S. 79–108.
Kollmer, I. (2023): Ein unbequemes Sujet. Über Irritationspotenziale universitärer Lehre als Gegenstand erziehungswissenschaftlicher Forschung. In U. Binder (Hrsg.): »Irritation« in der Erziehungswissenschaft. Weinheim und Basel: Beltz Juventa, S. 58–71.
Luhmann, N. (1986): Ökologische Kommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Schrittesser, I. (2012): Respondenz zu Hans Pechars Beitrag „Humboldt in der Massenuniversität? Vom Elend der neuhumanistischen Bildungsreligion.“ In B. Kossek & C. Zwiauer (Hrsg.): Universität in Zeiten von Bologna. Zur Theorie und Praxis von Lehr- und Lernkulturen. Vienna University Press, S. 83–87.
Wilkesmann, U. (2019): Methoden der Hochschulforschung. Eine methodische, erkenntnis- und organisationstheoretische Einführung. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.